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05. 05. 2005
Letzte Aktualisierung
am 11. 05. 2019

rauchmelder133

von Hans Brunswig, Hamburg

Als die Bremer Berufsfeuerwehr wenige Monate vor der einigenden Gründung des Deutschen Reiches ihren Dienst begann, ahnte wohl niemand, welchen Strukturwandel die „siebziger Jahre" des neunzehnten Jahrhunderts für Deutschland bringen sollten.
Heute - hundert Jahre später und abermals zu Beginn der siebziger Jahre — gibt es zwar viele Prognosen bis zum Jahre 2000, aber ein wohl gütiges Geschick versagt uns den klaren Blick in die Zukunft.
Feuerwehrmänner in aller Welt sind gewohnt, auf der Bühne des Geschehens kühl und nüchtern ihre Umwelt zu betrachten - wie sollte sonst wohl in der hektischen Panik eines Brandes oder Unfalles sinnvolle Hilfe geleistet werden? Prüfen wir deshalb auch einmal nach einem Blick zurück den eigenen Lebensraum, das Brandgeschehen in Deutschland, die Stellung der Feuerwehren in unserer Gesellschaft, ihre menschliche und technische Kraft sowie jene Aufgaben, die ihr aus der Welt, in der wir leben, erwachsen.

Das „Feuerwehrbild" vor einhundert Jahren

Der Hamburger Brand von 1842 hatte eindeutig bewiesen, daß Katastrophen solcher Art in einer Großstadt nur von einem festgeführten Stamm berufserfahrener Kräfte gemeistert werden können.
In vielen Städten des Auslands — Paris, London, Wien, Kopenhagen schon Jahre zuvor nach ähnlichen Erfahrungen Berufsfeuerwehren gegründet worden. In Deutschland zogen Berlin (1851), Memel (1856), Stettin (1857), Tilsit (1859), Breslau (1859), Danzig (1859), Potsdam (1862), Leipzig (1865) und Dresden (1868) die gleichen Konsequenzen. Hamburg selbst konnte sich allerdings noch nicht zu einem solchen Entschluß durchringen. Allzu viele persönliche und wenig hanseatisch anmutende Mißhelligkeiten ließen erst Ende 1872 auch hier ein „permanentes Löschkorps" entstehen.
Als erste Stadt im nordwestdeutschen Raum wagte Bremen den Schritt zur Berufsfeuerwehr. Kaum 25 Jahre zuvor war in Süddeutschland die Idee der Freiwilligen Feuerwehr geboren. Ihre Organisationsform setzte sich gerade in den sechziger Jahren auch in Norddeutschland durch. 1868 hatte der erste niedersächsische Feuerwehrtag in Harburg/Elbe stattgefunden und in der Festschrift konnte man lesen:
„. . . . eine gut organisierte bezahlte Feuerwehr ist nur in den größeren Städten möglich und praktisch, weil, abgesehen von dem Finanzpunkt, die Mannschaft durch täglich vorkommende Brände in fortwährender Übung erhalten wird. In mittleren und kleineren Städten und Ortschaften ist dagegen ein geregeltes Feuerlöschwesen nur durch freiwillige Feuerwehren zu ermöglichen ..."
An dieser Konzeption hat sich in einhundert Jahren nichts geändert!
Auch ein technischer Umbruch bahnte sich damals bei den Feuerwehren an: Dampfspritzen sollten die Handarbeit ganzer Kompanien von „Spritzenleuten" übernehmen. 1864 hatte sich bereits der Hamburger Spritzenmeister Hannibal Moltrecht mit dem allerdings wenig geglückten Bau einer Dampfspritze nach englischen Vorbildern befaßt. Etwa um die gleiche Zeit versuchte sich die Egestorff'sche Maschinenfabrik Hannover-Linden im Dampfspritzenbau. 1868 stellte die Stadt Altona eine dort gebaute und noch heute erhaltene Dampfspritze — die „Alte Liese" - in Dienst. Kurzum: Das Problem der Übernahme wesentlicher Teile der Feuerwehr-Handarbeit durch Maschinenkraft war im Gründungsjahr der Bremer Berufsfeuerwehr gerade technisch gelöst.

Im Übrigen hatten in Süddeutschland Carl Metz (seit 1842 in Heidelberg) und Conrad Dietrich Magirus (seit 1864 in Ulm) erfolgreich versucht, den Bau von Feuerwehrgerät aus der Enge von Handwerkerstuben zu lösen und in mechanischen Werkstätten mit Maschinenbaumethoden zu betreiben. Sie belieferten auch den norddeutschen Raum.
1868 waren auf dem 7. Deutschen Feuerwehrtag in Braunschweig bereits 152 Feuerwehren vertreten. Im gleichen Jahr wurde der Niedersächsische Feuerwehrverband gegründet. Seit 1860 gab es eine „Deutsche Feuerwehr-Zeitung".
Ohne jeden Zweifel war in jenen Jahren zwischen 1860 und 1870 ein neues Feuerwehrbild geprägt: Kein Haufen gedungener, pomadiger und interesseloser Hilfskräfte, auch keine verkappte Gruppe von Revoluzzern -wie es um 1848 noch mitunter schien —, sondern Männer, die sich in freiwillig auferlegter Bürgerpflicht oder in freiwillig gewähltem Lebensberuf der Hilfe in Feuersnot und Lebensgefahr verschrieben hatten.

Die Position „Brandschäden"  -in der deutschen Wirtschaftsbilanz

In den letzten Jahren sind in Deutschland jährlich für etwa eine Milliarde D-Mark Sachwerte Bränden zum Opfer gefallen. Die deutschen Sachversicherer beklagen den „Trend zum Großschaden", bei manchen Gesellschaften liegen die Schadensquoten besonders im „Industriegeschäft" so hoch, daß von einer Rentabilität nicht mehr gesprochen werden kann.
Was ist denn eine Feuerwehr heutiger Prägung bei dieser sicher beklagenswerten Entwicklung nun wert? Können Feuerwehren überhaupt die Position „Brandschäden" in einer Wirtschaftsbilanz beeinflussen? „Lohnt" sich der ganze Aufwand? - es sind harte Fragen, die in einer Zeit rücksichtslosen Gewinnstrebens doch hin und wieder gestellt werden — mit dem unterschwellig spürbaren Zweifel an Notwendigkeit und Wirkungsgrad des Unternehmens „Feuerwehr". Meinte doch vor nicht allzu langer Zeit ein hoher Verwaltungsbeamter in Hamburgs Nachbarschaft „Die beste Feuerwehr ist eine gute Versicherung!". Er sprach damit — für einen Beamten sicher etwas unbedacht - das aus, was manche denken.
Wenn wir einmal die Summe der Brandschäden nicht isoliert betrachten, sondern in Beziehung setzen zum deutschen Brutto-Sozialprodukt, dann ergibt sich die vielleicht überraschende Feststellung, daß sich dieses Verhältnis in den letzten zwanzig Jahren nur wenig geändert hat und um 0,16% schwankt. Deutschlands Brandschaden-Index gehört damit zu den Niedrigsten aller Industrienationen der westlichen Welt. In England pendelt der Brandschaden-Index um 0,22, Amerikas Wirtschaft muß noch höhere Brandschäden hinnehmen — hier liegt der Prozentanteil zwischen 0,23 und 0,26!
Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die relativ günstige Position Deutschlands auf die Dichte des Feuerwehr-Netzes zurückzuführen ist, die in allen Teilen des Landes wenige Minuten nach Entdeckung eines Brandes eine Brandbekämpfung sichert. Ihr Wirkungsgrad mag je nach Ausbildung und Ausrüstung der einzelnen Feuerwehren unterschiedlich sein, es mögen vermeidbare „Wasserschäden" vorkommen oder falsche Lagebeurteilungen — zu Buch schlagende Tatsache ist aber doch der Einsatz überhaupt!
Was die Feuerwehren allerdings nicht beeinflussen konnten und können, ist die Änderung der Brandschaden-Risiken vor allem in Industrie und Landwirtschaft. In der deutschen Industrie hat gerade die sechste Brandrisiko-Generation begonnen: Mit elektronischen Datenverarbeitungsanlagen und Prozeßrechnern selbsttätig gesteuerte Fertigungsvorgänge und anschließende selbsttätige Einlagerung in Hochregallagern sowie der späteren ebenfalls selbsttätigen Auslagerung und versandfertigen Zusammenstellung. Bei dieser technischen Entwicklung... werden die Investitionssummen immer größer,
... hält sich immer weniger Personal in den Betriebsräumen auf, das bei einem sich entwickelnden Brande sofort eingreifen
    kann,
... bedingen die größeren Fertigungsgeschwindigkeiten und Fertigungsmengen immer mehr Anhäufung von Waren und Abfällen,
... kann der Ausfall von Meß- und Regelinstrumenten kritische Situationen etwa durch Überhitzung auslösen,
... erfordert die umfangreiche Verkabelung bei einer Zerstörung langwierige Instandsetzungsarbeiten,
... sind die Chancen einer nachhaltigen Lähmung des ganzen Betriebs aus böswilliger Absicht noch nie so groß und günstig
    gewesen.
Wir müssen in diesem Zusammenhang auch die Tendenz registrieren, neue große Industriebetriebe „auf der grünen Wiese" zu errichten — Beispiele hierfür bietet der Unterelberaum. Damit stehen dann plötzlich kleine Dorffeuerwehren - die sich bislang nur mit Scheunenbränden zu befassen hatten - vor Großbrandstellen etwa der chemischen Industrie, denen sie nach Ausbildung und technischer Ausrüstung nicht gewachsen sein können.
Die Zahl der Brände in Deutschland ist in den letzten beiden Jahrzehnten nicht wesentlich gestiegen - sie steht jedenfalls in keinem inneren Zusammenhang mit der Schadenshöhe. Es läßt sich aber absehen, daß bei den vorgezeichneten Entwicklungstendenzen die Schadenshöhen alsbald die Linie des bisherigen einigermaßen stetigen Verlaufs verlassen und einen steilen Trend nach oben nehmen werden.
Es ist wenig tröstlich zu wissen, daß im Ausland ähnliche Vorgänge zu verzeichnen sind. Aus Amerika kam schon 1967 die besorgte Frage „Are we losing the Battle against Fire Waste?" und britische Brandschutzkreise meinten „What can we do to stop the rot?". Selbst in einer deutschen Versicherungs-zeitschrift stand kürzlich „Die Zukunft kann heiter werden!" - aber alle diese Dinge liegen so ganz außerhalb des Einflußbereiches der Feuerwehren in Stadt und Land!

Mensch und Technik -In den Deutschen Feuerwehren

Was  haben  die  Feuerwehren  gegen diese Entwicklung zu setzen?
In den Großstädten der Bundesrepublik Deutschland gibt es 58 Berufsfeuerwehren mit 13800 Mann, verteilt auf 190 Feuerwachen.
Die Statistik 1968 des Deutschen Feuerwehrverbandes zählt
23461  Freiwillige Feuerwehren mit
767 477 Feuerwehrmännern
Unter Einschluß der in Werkfeuerwehren Tätigen leisten also rund 790000 Mann, d. h. etwa 1,3% der Bevölkerung von 60 Millionen Menschen Feuerwehrdienst.
Das technische Potential der Feuerwehren wird vom Deutschen Feuerwehrverband für 1968 wie folgt angegeben:
26 729 Tragkraftspritzen, 10935 Löschfahrzeuge, 2566 Tanklöschfahrzeuge, 603 Drehleitern, 565 Anhängeleitern, 3 276 Sonderkraftfahrzeuge verschiedenster Art.

 

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